Ulmen und Naturschutz

Ulme ist eine Pflanzenart, bei der es Wissenschaftlern bis heute nicht gelungen ist, sich auf eine einheitliche Taxonomie zu verständigen. Dies hängt damit zusammen, dass sich die einzelnen Ulmenarten untereinander problemlos kreuzen, so dass in der freien Natur Zwischenformen eher die Regel als die Ausnahme sind. Ulmen vermehren sich ebenso vegetativ wie durch Samen. Weltweit gibt es eine große Breite verschiedenster Unterarten und Formen.
Das Auftreten der tückischen Ulmenkrankheit (Ophiostoma ulmi) zu Beginn des 20ten Jahrhunderts war Anlass zu intensiver Zuchtarbeit, vor allem in Holland und in den USA, aber auch in England, Frankreich, Italien und Deutschland. Ziel war, Ulmen zu finden, die gegen diese Krankheit mehr oder weniger resistent sind. Denn eine andere sinnvolle Möglichkeit, die Krankheit zu heilen, konnte bisher nicht entwickelt werden.
Bei der Überprüfung der Resistenz ergab sich, dass vor allem Arten und Formen von Ulmen aus dem asiatischen Raum (Japan, China) mit der Krankheit fertig werden konnten. Es steht zu vermuten, dass es sich um eine im asiatischen Raum heimische Krankheit handelt, die nach Europa und dann nach Amerika exportiert wurde, wo die Ulmen in den vergangenen Jahrhunderten oder Jahrtausenden keine Abwehrstrategie entwickeln konnten.
Aus verschiedenen Gründen kann man aber die europäischen Ulmen nicht einfach durch die asiatischen Ulmen ersetzen. Ziel war zunächst, Ulmen zu züchten, die dem Typ der europäischen oder amerikanischen Ulmen nahe kamen. Zu den spezifischen Zielen zählten die Architektur, bzw. der Habitus, die Robustheit und Schnellwüchsigkeit, die Widerstandskraft gegen Wind und Wetter. Es kamen hinzu die Widerstandskraft gegen negative Umwelteinflüsse im Stadtklima (kleine Baumscheiben, Umweltgifte in der Luft, Toleranz gegen Tausalze usw.) Sowohl in Holland als auch in der USA wurden entsprechende Sorten geschaffen, insgesamt weniger als 50, die etwa seit 1950 in immer größeren Stückzahlen ausgepflanzt wurden und werden.
Sie wurden gepflanzt in Städten als Park- und Straßenbäume, in der Landschaft ebenfalls als Straßenbäume und - in großen Stückzahlen - zur Anlage von Hecken, und schließlich auch im Forst. Es ist bemerkenswert, dass die Ulme im Forst jedenfalls bislang keine große Rolle spielt, denn die Robustheit, die Schnellwüchsigkeit und vor allem die überragende Holzqualität verdienen gerade hier eine stärkere Berücksichtigung. Folgende Gründe sprechen aber gegen eine Verwendung im Wald:
Es handelt sich um vegetativ vermehrte Klone - es fehlt die genetische Vielfalt. Die Sorten haben zumindest einen Elternteil aus Asien und scheinen deswegen nur schwer in die heimische Flora zu passen. Die Pflanzen werden als zweijährige Stecklinge angeboten und sind deshalb viel teurer als Pflanzen, die in der Baumschule aus Samen gezogen werden.
Auf drei Faktoren will ich im Folgenden näher eingehen:
Genetische Verengung
Jeder Baum ist ein Unikat. Ein daraus vegetativ entstandener Nachkomme ist genetisch gleich. Etwas Neues entsteht erst über ein Samenkorn. Prof. Eugene B. Smalley, einer der profiliertesten Ulmenzüchter, sagte einmal, dass es sein Traum sei, dass durch seine Züchtungen durch freie Kreuzung mit heimischen, für die Ulmenkrankheit anfälligen Ulmen, neue, angepasste Ulmen in den Wäldern entstehen und sich damit der Erfolg seiner Arbeit vervielfältige.
Dieser Traum scheint sich derzeit zu verwirklichen: Es sind schon viele Bäume aus Samen entstanden, bei denen der Mutterbaum eine seiner Züchtungen ist, der Vater aber eine heimische Ulme. Bisher zeigen sie eine sehr gute Vitalität. Strenge Resistenztests stehen für die Jahre 2008 bis 2010 an.
Heimische Bäume
Dieser Begriff ist dabei, sehr ambivalent zu werden. Einerseits ist es sicher sehr wichtig, dass die Bäume in unseren Wäldern zur vorgefundenen Umwelt passen. Es ist wichtig, dass alle Insekten, die spezifisch zu den Ulmen gehören und nur auf Ulmen gedeihen, ihren Lebensraum nicht verlieren. Also müssen die in unseren Wäldern gepflanzten Ulmen von den Insekten angenommen werden. Schon 1995 entdeckte Forstdirektor Kettering aus Bellheim den Ulmenblattkäfer an der resistenten amerikanischen Sorte "Sapporo Autumn Gold" Dies ist umso bemerkenswerter, als bisher als sicher galt, dass dieses Insekt monophag an der Feldulme lebt. 1993 entstand eine umfangreiche Arbeit an der Hessischen Forstlichen Versuchsanstalt mit dem Titel "Ist die Ulme noch zu retten", die gerade dies bestätigt und dazu auffordert, resistente Ulmensorten zu pflanzen.
Denn wenn der Ulmensplintkäfer (Scolytus scolytus) als Überträger der Krankheit keine Ulmen mehr finden kann, dann stirbt er aus. In der Slowakei ist er so bereits auf der roten Liste gelandet. Und nicht nur er, sondern alle ulmenspezifischen Insekten sind verurteilt, aus der Landschaft zu verschwinden, wenn es keine Ulmen mehr gibt.
Ambivalent ist der Begriff "heimisch" auch deswegen geworden, weil die Klimaänderung offensichtlich so schnell und deutlich werden wird, dass vor allem die Bäume keine Chance haben werden, sich rechtzeitig anzupassen: Bäume brauchen 15 bis 70 Jahre, bis eine neue Generation im Wald aufwächst. Dann kann das Klima in Hessen schon dem in Ungarn heute gleichen. Also wären dann die heute dort wachsenden Bäume hier heimisch. Auf dieses Faktum sollten meiner Meinung nach Forstpolitik und Forstpraxis unverzüglich Rücksicht nehmen. Naturverjüngung allein kann es nicht mehr sein - der Mensch muss hier gezielt helfen durch begleitende Anpflanzung von nicht-heimischen Herkünften und Arten, die sich in den kommenden Zeiten hier heimisch fühlen können.
Der Preis
Zwei Faktoren sind Ursache für den hohen Preis der hoch-resistenten Ulmen-Sorten: Da ist einmal die schon erwähnte Anzuchtmethode. Es kommt hinzu, dass die Universität in Madison/Wisconsin als Züchter als Kompensation für die jahrzehntelange Entwicklungsarbeit eine Lizenzgebühr je Baum verlangt. Damit entsteht ein Preis, der für eine zweijährige Pflanze von etwa 1,20 m Höhe einen Preis von etwa € 2, 25 bedeutet.
Wenn man auf der anderen Seite die enorme Wuchsschnelligkeit von Ulmen berücksichtigt, dann ist dieser Preis durchaus angemessen: Am gleichen Standort in Seligenstadt, wurden 1992 vier resistente Ulmen der Sorte "Regal" mit Stammumfang 10-12 cm gepflanzt und 1993 zwei Tilia cordata "Greenspire" mit Stammumfang 12-14. Im Jahr 2000 wurde der Stammumfang gemessen: Die Linden erreichten im Schnitt 29,5 cm, die Ulmen dagegen 66 cm!
Gleichzeitig kann man durchaus, auch wegen der genetischen Vielfalt, resistente Sorten zusammen mit heimischen Ulmen auspflanzen. Der Durchschnittspreis liegt dann niedriger.
Christoph Eisele - IX 2007

